Psychologie kombinationsgabe

Archiv Die Tücken des höfischen Lebens Twitter Facebook Email Pocket. Mit den Romanen um Thomas Cromwell, den Sekretär des englischen Königs Heinrich VIII. In "Falken" wird die Geschichte weitergesponnen - mit subtiler Psychologie, drehbuchreifen Dialogen und intimen Einblicken in die Welt der Renaissance.

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Aus dem Podcast Buchkritik. Mit den Romanen um Thomas Cromwell, den finsteren Sekretär eines finsteren Königs, hat Hilary Mantel die Bestsellerlisten erobert und zweimal — als erste Frau — den Booker-Prize erhalten. Heinrich VIII. Dass er sich an der Macht halten konnte, verdankt er einem Parvenü, der klüger war als all seine Höflinge.

Davon handelt der erste Roman "Wölfe". Dieses Geschehen läuft als roter Faden auch durch den zweiten Roman "Falken", weshalb man den Vorgänger nicht unbedingt zu kennen braucht. Wie ihre abgesetzte Rivalin hat auch Anne Boleyn dem König nur eine Tochter und keinen männlichen Erben geboren. Doch ein Mädchen auf dem Thron der Tudors - undenkbar.

Aus Staatsraison, vor allem aber weil er für die junge Jane Seymour entflammt ist, plant Heinrich zum dritten Mal zu heiraten. Will Cromwell nicht seine Position gefährden, ficht er auch diese Scheidung durch und bringt die Königin aufs Schafott. Auf genretypische Weichzeichner verzichtet Mantel. Ungewöhnlich für einen historischen Roman erzählt Hilary Mantel im Präsens, unmittelbar aus der Perspektive der Hauptfigur.

Cromwell ist ein scharfer Beobachter mit ausgeprägter Kombinationsgabe. Ebenso minutiös wie er den Faltenwurf des königlichen Gewands nach ersten Anzeichen einer verheimlichten Schwangerschaft absucht, liest er im Mienenspiel seiner Kontrahenten, schleicht sich in das Vertrauen korrupter Höflinge und Kleriker, um sie zu Fall zu bringen. Signale blitzschnell zu deuten, ist lebenswichtig.

Und wenn es darauf ankommt, "ist sein Ausdruck so achtsam leer wie eine frisch gestrichene Wand". Der Blick, den wir mit Cromwell auf die Renaissancewelt richten, ist hart, er kennt keine genretypischen Weichzeichner. Entsprechend werden keine überflüssigen Landschaftsbilder gemalt, kein opulentes Festgetümmel.

Einstellungsverfahren: Weg vom Rollenspiel: Hamburger Abendblatt

Gezeigt werden die Tücken höfischen Lebens in intimen Szenen; die eigentlichen Schlachten spielen sich rhetorisch ab, mittels subtilster Psychologie in drehbuchreifen Dialogen. Auch sprachlich unterlässt die Autorin jedes Tudor-Pastiche. Darin ist der Roman sehr modern. Und wohl einer der Gründe, weshalb er über das royalistische England hinaus so fulminant gefeiert wird.

Zurecht, führt er doch klug und ganz nebenbei mitten in die Debatte darüber, was von Königinnen und ihren Steigbügelhaltern erwartet wird — bis heute. Besprochen von Edelgard Abenstein. Hilary Mantel: Falken Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence DuMont-Verlag, Köln Seiten, 22,99 Euro. Zur Startseite.