Psychologische schutzimpfung
Kurze Videos, die über manipulative Techniken aufklären, können bei Nutzerinnen und Nutzern die Erkennungsrate solcher Techniken verbessern, wenn sie statt Werbung vor Youtube-Videos gezeigt werden. Zu diesem Schluss kommt eine Forschungsgruppe aus Psychologinnen und Psychologen und Mitgliedern von Googles Jigsaw-Gruppe. Die Studie wurde am In sieben Teilstudien haben die Forschenden die Wirkung solcher Videos untersucht.
In den ersten fünf Studien haben sie den Befragten erst entweder ein Video ohne Bezug zum Thema gezeigt oder ein Video, das über eine von fünf Manipulationstechniken aufklärt: emotional manipulative Sprache, Inkohärenz, falsche Dichotomien, das Beschuldigen von Sündenböcken und ad-hominem-Angriffe.
Danach sollten die Befragten einschätzen, ob fiktive Social Media Posts eine der fünf Techniken einsetzen. Bei den Befragten wurden dann vier Aspekte beurteilt: die Fähigkeit, Manipulationstechniken zu erkennen, das Selbstbewusstsein, das zu können, die Fähigkeit, vertrauenswürdige Inhalte von nicht-vertrauenswürdigen zu unterscheiden und die Qualität der Beiträge, die sie teilten.
In allen vier Bereichen schnitten im Durchschnitt die Befragten besser ab, die die Videos zu den Manipulationstechniken gesehen hatten. In Studie 6 prüften die Forschenden ein Jahr später für das Video zu emotional manipulativer Sprache unter anderem, ob die Ergebnisse replizierbar waren. Weiterhin schauten sie inwiefern andere Eigenschaften — wie Alter, Geschlecht, aber auch die Anfälligkeit einer Person für Fehlinformationen — einen Einfluss auf die Antworten hatten.
Dabei konnten die Ergebnisse repliziert werden und keine der anderen abgefragten Variablen machte einen signifikanten Unterschied. Studie 7 übertrug die Ergebnisse dann in eine reale Umgebung: Die Videos zu emotional manipulativer Sprache und falschen Dichotomien wurden hier auf Youtube gezeigt. Knapp einer Million Nutzerinnen und Nutzern wurde eines der Videos statt Werbung vor einem anderen Video angezeigt.
Innerhalb von 24 Stunden wurde 30 Prozent davon in der Youtube-Oberfläche eine Frage präsentiert, bei der sie erkennen sollten, welche Manipulationstechnik in einer fiktiven Artikelüberschrift eingesetzt wurde. Die gut Sie betonen auch, dass diese Methoden einfach skalierbar sind, da das Einblenden eines der Videos statt Werbung bei Youtube nur ungefähr 0,05 Dollar kosten würde.
Coronavirus: Covid-19-Impfung
Bei einer Skalierung auf Millionen von Nutzerinnen und Nutzern könnten sich allerdings trotzdem schnell hohe Beträge ansammeln. Inwiefern sich die Aussagen der Studie auf andere Länder übertragen lassen, bleibt allerdings unklar. In der Studie wurden nur Teilnehmende aus den USA befragt und auch die thematisierten Sachverhalte in den fiktiven Artikelüberschriften waren auf die USA bezogen.
Wie lang die beobachteten Effekte anhalten, ist ebenfalls unklar. Zuletzt stellt sich die Frage, ob die Ausspielungsart über Werbung, die oft geblockt oder weggeklickt wird, genug Leute erreicht, um eine breite Wirkung zu entfalten. Um diese und weitere Fragen zu beantworten, haben wir Expertinnen und Experten um eine Einschätzung der Studie gebeten.
Es werden kurze Erklärvideos herangezogen, um Social Media Usern eine Auswahl an Mechanismen zu erklären, die oft dazu benutzt werden, Fehlinformation in sozialen Medien zu verbreiten. Diesen Ansatz halte auch ich für zielführend und erfolgversprechend, unter anderem auch weil er Social Media User ernst nimmt und ihnen Lernfähigkeit attestiert.
Ich würde aber davon ausgehen, dass der Ansatz vorwiegend bei Menschen funktioniert, die noch nicht in die Welt der alternativen Fakten und Verschwörungen abgedriftet sind. Fraglich ist, ob diese zum Beispiel auch in deutschsprachigen Ländern funktionieren würden und inwiefern derartige Videoinhalte auf bestimmte Länder- und andere Zielgruppen angepasst werden müssten.
Eine weitere Frage, die für mich im Raum steht, ist, wie die Auftraggeber und Produzenten der Videos in den Videos kenntlich gemacht werden. Dabei sollten zusätzlich weitere Verbreitungskanäle in Betracht gezogen werden, um Nutzer zu erreichen, die zum Beispiel Adblocker benutzen oder Werbung grundsätzlich überspringen. Ideal wäre es, wenn Youtube seiner enormen Verantwortung als globales Informationsmedium, über das leider auch viele Falschinformationen verbreitet werden, gerecht werden würde und diesen erfolgversprechenden Ansatz in Form eines ausgeweiteten Pilotprojekts unter Realbedingungen unterstützen würde.
Leiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie: Medien und Kommunikation, Universität Duisburg-Essen. Dies wurde meines Wissens bisher noch nicht systematisch auf den Schutz vor Falschinformation angewandt. Daher ist es gut und richtig, die Wirksamkeit von Inoculation systematisch zu prüfen. Die erste Schwäche der Studie ist somit, dass nicht betrachtet wird, ob hier wirklich Inoculation am Werk ist oder ob es sich — wie bei anderen Studien auch — um einen reinen Priming-Effekt handelt den Effekt, dass ein vorangegangener Reiz die Verarbeitung eines darauffolgenden Reizes unbewusst beeinflusst, also dass Personen in diesem Fall wegen des gezeigten Videos kurzzeitig mit manipulativen Techniken rechnen oder stärker darauf reagieren; Anm.
Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es wünschenswert, den Wirkmechanismus besser zu verstehen. Damit eng verbunden ist auch die zweite Schwäche: keine der Studien — auch nicht Studie 6, obwohl es sich zunächst so anhört — prüft die langfristige Wirkung. Die Idee des Inoculation-Konzeptes ist aber insbesondere, langfristig zu schützen.
Dies können die Studien aber nicht zeigen. Das bringt natürlich andere praktische Probleme mit sich, wie dass solche Videos beim wiederholten Sehen vermieden oder ignoriert werden könnten, wodurch sie keine Wirkung entfalten können. Nicht mehr und nicht weniger. Post-Doktorand, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt. Die Experimente sind methodisch einwandfrei und stützen den Schluss der Autoren.
Eine Vielzahl von Studien in den letzten Jahren zeigt immer wieder, dass das Warnen vor rhetorischen Fallstricken und manipulativen Techniken und das Bereitstellen von Korrekturen die psychologischen Abwehrkräfte gegen Falschinformationen in der Bevölkerung stärken kann. Dies betrifft den Schutz vor Falschinformation rund um Themen wie Impfen, Klimawandel oder Substanzmissbrauch.
Die ersten sechs Experimente der Studie sind eine weitere Bestätigung der Befundlage zur Effektivität der psychologischen Impfung gegen Falschinformation. Mit dem siebten Experiment betreten die Autoren jedoch Neuland, da sie hier die psychologische Impfung nicht mehr in einer künstlichen, sondern in einer natürlichen Umgebung testen.
Dieses Feldexperiment auf Youtube belegt die Effektivität von Erklärvideos als psychologische Impfung unter realistischen Bedingungen. Das Problem dieser Ansätze ist ihr reaktiver Charakter. Es wird gewartet, bis Wissenschaftsleugner eine neue Falschinformation streuen oder die Öffentlichkeit etwas unabsichtlich falsch versteht, bevor man reagiert.
Auf diese Weise ist es unmöglich, den Falschinformationen einen Schritt voraus zu sein.
Gesundheit: Schutzimpfungen jetzt
Die vorliegende Studie zeigt, dass es möglich und effektiv ist, Hilfe zur Selbsthilfe in Aufklärungskampagnen zu leisten. Wenn vor generellen Techniken wie Emotionalität oder falscher Logik gewarnt wird, dann können Menschen dieses Wissen auf spätere Begegnungen mit spezifischen Falschinformationen anwenden und sich selbst schützen. Aufklärungsarbeit bedeutet nach dem Prinzip der psychologischen Impfung, proaktiv zu sein und Wissen über manipulative Techniken zu verbreiten, bevor die Öffentlichkeit Ziel von Desinformationskampagnen wird.
Dennoch ist es dem Nutzer immer freigestellt, solche Anzeigen zu umgehen oder zu ignorieren. Videoeinspieler können demnach nur ein Baustein sein, um das Problem viraler Falschinformationen zu bekämpfen. Idealerweise stellen die Autoren ihr verwendetes Material zur Verfügung, sodass die Inhalte auch in moderierten Sitzungen, beispielsweise im Schulunterricht, genutzt werden können.
Zudem weist die Studie einen starken Fokus auf den US-amerikanischen Raum und englische Sprache auf. Um die Generalisierbarkeit der Erkenntnisse zu festigen, sind weitere Experimente in anderen kulturellen und sprachlichen Kontexten notwendig. Roozenbeek J et al. Science Advances. DOI: Seite drucken Twitter Facebook Whatsapp E-Mail senden linkedin.
Soziale Medien Desinformation Übersicht Prof. Joachim Allgaier, Professor für Digitalisierung und Kommunikation, Hochschule Fulda Prof. Nicole Krämer, Leiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie: Medien und Kommunikation, Universität Duisburg-Essen Dr. Philipp Schmid, Post-Doktorand, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt Statements Prof.
Primärquelle Roozenbeek J et al. Seite drucken nach oben.