Überwachungsstaat psychologie

Der Einsatz der Videoüberwachung ist nicht nur auf dem Vormarsch, sie erlebt geradezu einen zweiten Frühling und wird als neues Allheilmittel gegen Kriminalität verkauft. Kritiker erheben dagegen den Vorwurf der reinen Placebo-Politik, die ein untaugliches Mittel benutzt, um Menschen ein falsches Sicherheitsversprechen zu geben. Der Ausbau der optischen Überwachung zieht zugleich eine Beschwerdewelle nach sich, da längst nicht jeder Bürger bereit ist, permanente Überwachung im öffentlichen Raum hinzunehmen.

Dennoch werden erhebliche Gelder in den praktischen Ausbau der Videoüberwachung gesteckt, beispielsweise in Berlin: Dort ist aktuell der Einbau von Grad-Kameras in die S-Bahnen geplant, die ein Millionen-Budget in Anspruch nehmen. Es werden immer mehr: Computer, die auf Menschen starren und deren Gesichter rastern und in Datenbanken speichern.

Doch was ist von den Sicherheitsversprechen zu halten? Was kann die heutige Technik? Welche Probleme der Diskriminierung können auftreten, wenn man die technische Entwicklung in die Zukunft projiziert? Wir haben darüber mit Benjamin Kees gesprochen. Er ist Informatiker, Autor und begnadeter Science-Slammer.

Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Informatik und Psychologie.

Überwachungsdruck – Wikipedia

Seit November ist er Vorstandsmitglied des FIfF Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung. Er arbeitet als IT-Leiter bei der Smart Energy for Europe Platform und als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Wie bewertest Du den derzeitigen enormen gesetzlichen und auch praktischen Ausbau der Videoüberwachung? Hat sich Deiner Meinung nach der Zeitgeist gedreht?

Benjamin Kees : Der Ausbau spiegelt die nach wie vor anhaltende Technikgläubigkeit wider. Den Glauben daran, dass Technik, wenn sie nur weit genug entwickelt ist, gesellschaftliche Probleme lösen kann. Das beflügelt natürlich die Phantasie der Befürworter. Ist dieser Effekt wissenschaftlich nachgewiesen? Benjamin Kees : Ja, es gibt Studien, die diese Verdrängungseffekte zeigen können.

Benjamin Kees : Die Bildqualität der Kameras hat sich enorm verbessert, sie sind viel kostengünstiger geworden und vor allem digital. Dadurch ist der Aufwand des Ausbaus, der Speicherung und der Auswertung gesunken. Auch in der Auswertbarkeit von Bildmaterial, bei Gesichtserkennung und Verhaltenserkennung hat sich viel getan.

Benjamin Kees : Bewegungen von Menschen, Mimik und Gangart in einem Video zu erfassen, ist das eine. Sie richtig zu interpretieren, ist schon viel schwieriger. Vor allem aber lässt sich eine Tatsache auch mit der besten Analysesoftware nicht ändern, nämlich dass Gewalttäter die Kameras ignorieren und Kriminelle sie einplanen.

So kann eine Kamera nicht präventiv in den überwachten Raum hineinwirken. Selbst wenn wir erfolgreich Mimik auswerten, können wir nicht in die Köpfe der überwachten Personen gucken und Vorhersagen über ihre Vorhaben machen. Was denkst Du dazu? Etwas tun ist besser als nichts tun. Warum ist die Idee so stark, dass Kameras dagegen helfen können? Nur wenn man Videomaterial von den Kriminellen hat, könne man sie aus dem Verkehr ziehen und Schlimmeres verhindern.

Sie glauben daran, dass sich beispielsweise Terroristen auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, so dass man in Zukunft einen Anschlag schon Minuten vorher aus etwa Mimik oder ungewöhnlichen Laufwegen von Bombenlegern ablesen kann. Ich halte das nicht nur technisch für Unfug. Denn wie läuft oder schaut denn ein Terrorist? Können solche Systeme das leisten, heute oder in Zukunft?

Benjamin Kees : Nein — denn es ist ja kein technisches Problem, dass man die wahren Absichten von Menschen nicht in ihren Gesten, ihrer Mimik oder ihren Handlungen ablesen kann. Wenn man die Handlungen von Menschen tatsächlich voraussagen will, bräuchte man so enorm viele Informationen, die schon lange nicht mehr in irgendeinem Verhältnis zum Nutzen stehen würden.

Viel früher bekommt man da schon Probleme mit der Erhebung dieser Daten, die mit dem Grundgesetz in keinster Weise mehr vereinbar wäre. Was kann man ihm entgegnen? Benjamin Kees : Wenn mein Gesicht — sobald ich den Bahnhof betrete — von dem Computer, der hinter der Kamera sitzt, erfasst wird, ich eine Nummer bekomme und auf einer zweiten Kamera wiedererkannt werde und diese Nummer weiter an mir haftet, wie es zum Beispiel bei vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekten zur Automatisierung von Videoüberwachung an Flughäfen vorgesehen ist, dann ist dies eben keine Überwachung eines bestimmten Raumes mehr, durch den irgendwelche anonymen Menschen laufen, sondern eine Personenüberwachung.

Genau das ist die neue Dimension der vernetzten digitalisierten und automatisierten Videoüberwachung. Was ist das Besondere an diesem Versuch? Benjamin Kees : Feldtests mit Gesichtserkennung gab es schon hier und da. Die waren alle nicht besonders erfolgreich , da Menschen nicht wie gewünscht in die Kamera geschaut haben und das Licht oft nicht ausgereicht hat.

Es kam immer wieder zu Fehlalarmen und zu nicht gegebenen Alarmen. Es wurde angekündigt, beispielsweise hilflos am Boden liegende Personen zu erkennen. Das ist nicht nur ein rhetorischer Kniff, sondern sagt mir als Informatiker, welche Technik dahinter stecken muss. Dazu müssen nämlich die Körper und Körperteile einer Person im Video gefunden und über mehrere Bilder hinweg verfolgt werden.

Wenn man sich vorstellt, dass aus dem Feldversuch am Südkreuz eine allgemein im öffentlichen Bereich eingesetzte Technik wird, könnte es etwa dazu kommen, dass Menschen mit einer bestimmten Gangart immer und immer wieder intensiver überwacht und genauere Videoaufnahmen von ihnen erstellt werden. Alle, die dann davon abweichen, werden intensiver überwacht oder häufiger kontrolliert wenn man denn überhaupt menschliche Kräfte einsetzt.

Doch solche Effekte sind leider sehr schwer zu erkennen. Was wäre Deine Idee?

"Auch in der Familie war Politik völlig tabu"

Benjamin Kees : Es gab Studien, dass eine vernünftige Parkbeleuchtung oder freie Sichtachsen durch Beschneiden von Hecken einen enorm positiven Effekt haben, nicht nur für das subjektive Sicherheitsgefühl, sondern auch für messbar weniger Kriminalität. Die Gelder, die nun in Technik und deren Ausbau investiert werden, sollten besser in Sicherheitskräfte vor Ort, aber vor allem in soziale Projekte gesteckt werden, die Zivilcourage fördern.

In den meisten zurückliegenden Fällen sorgte ohnehin die klassische Ermittlungsarbeit für die Aufklärung der Fälle, nur einige wenige Fälle, bei der Videobilder den Täter überführen, werden in den Medien hochgespült und vermitteln den Eindruck, dass Videoüberwachung die beste Wahl sei. Jetzt werden die Budgets nochmal um 85 Millionen Euro aufgestockt und zunehmend auch kleine Bahnhöfe überwacht.

Zugriff auf die Daten hat immer auch die Bundespolizei. Die Koalitionsverhandlungen von Rot-Rot-Grün in Berlin sind abgeschlossen und heute morgen wurde der Koalitionsvertrag veröffentlicht. Wenn die Parteien diesem und der Regierungsbildung in den kommenden Wochen zustimmen, dann hat Berlin den mit Abstand digitalsten Koalitionsvertrag mit ganz schön viel Netzpolitik.

Der Bundestag hat den Weg für mehr Videoüberwachung durch private Betreiber freigemacht. Zudem erhält die Bundespolizei automatische Kennzeichen-Scanner und Bodycams. Oppositionspolitiker und Datenschützer bezweifeln, dass dadurch Terroristen aufgehalten oder die öffentliche Sicherheit verstärkt wird. Wir können diese Entwicklung nur stoppen, wenn wir nicht nur die Regierung, sondern auch alle unsere Sicherheitsbehörden auf den Prüfstand stellen und gnadenlos entrümpeln.

Immerhin wüsten die mit unseren Steuergeldern. Auch Polizeiarbeit muss effektiver werden. Ich habe es gerade wieder erlebt, dass wegen einer nächtlichen Ruhestörung laute Musik gleich 5 Beamte im Einsatz waren. Bei derartigem Personalaufwand ist es nicht verwunderlich, dass die Polizisten aus den letzten Löchern pfeiffen aufgrund massiver Überstunden.

Gewaltprävention – ein Übungsfeld für den Überwachungsstaat

Hat mal jemand analysiert, wie sich die Polizeibesetzung an einem Bundesligaspieltag von den 70ger Jahren bis heute entwickelt hat? Was da für ein Sicherheitsapparat aufgefahren wird, auch in Form von martialischen Stahlzäunen, Kameras, personalisierten Tickets, Taschenkontrollen und Genitalbefummlern? Videokameras schützen nicht, sie sorgen nur dafür, dass Menschen sich anpassen.

Dort, wo sie sich aber an die Überwachung anpassen, stauen sich mit der Zeit Dinge auf, die an anderer Stelle kompensiert werden müssen. Das ist jedenfalls meine persönliche Meinung. Was jedoch nicht bedeutet, dass die Leute ohne Kameras die Sau rauslassen würden. Denn daran glaube ich nicht.

Und das muss Ursachen haben. Eingeschüchterte und verängstigte Menschen reagieren eben mitunter auch drastisch. Die Frage, die zu stellen ist: Wird sich etwas ändern? Die Antwort lautet leider: Nein, es wird sich nichts ändern. Begründung: Denn der Bürger wehrt sich nicht, interessiert sich nicht. Traurige Welt, aber wir sehen und erleben gerade eindrucksvoll, wie sich ein totalitärer Überwachungs-, Kontroll- und Polizeistaat etabliert.

Und niemand schreitet ein. Man darf das durchaus auch beim Namen nennen: Sozialdarwinismus! Wir sind eine zu tiefst Politisch Rechte Gesellschaft bei der sogar die meisten Linken vergessen haben was politisch links eigentlich bedeutet. Und solange das so ist und auch immer noch weiter Auf die Spitze getrieben wird um so schlimmer werden die Auswirkungen, weshalb wir eine Übewachungsgesellschaft benötigen, in der jeder jeden Bespitzelt ohne es zu Wissen, aber selbst dafür die Kosten zu trägt.

Überwachung in Tunesien: Schatten der Diktatur: "Auch in der Familie war Politik völlig tabu"

Smart-XXX Na gut jetzt habe ich wieder genug Moralisiert, das ist auch etwas völlig sinnfreies! Was mich interessiert wo nach auch mal wieder nicht gefragt wird wenn man Wissenschaftler die an Überwachung Forschen interviewt ist: Haben die gar kein Verantwortungsbewustsein? Können die nicht erkennen wozu das benutzt wird was sie erforschen? Ist es ihnen egal? Forscher reden sich ja gerne damit herraus das sie nicht absehen konnten wozu ihre Forschungsergebnisse benutzt werden, z.

Danke für das Buch!! Aber PDFs sind so unpraktisch, vor allem auf Geräten mit kleinen Bildschirmen. Wäre es möglich, auch ein EPUB anzubieten? Das lässt sich doch sicher einfach aus dem Master generieren, netzpolitik. Leider ist das LaTexfile zu kompliziert für die Tools, die aus LaTex dann eBook-Files machen… Das Buch ist auch als Papierversion zu haben. Wie utopisch ist die Verknüpfung von Videoüberwachung mit Ausweischips, biometrischen Daten und Telefonen?

Noch können RFIDs ja nur aus geringer Entfernung ausgelesen werden und es gibt Aluhüllen. Biometrie soll am Südkreuz ja nun zum Einsatz kommen. Siehe Prof.